Tiger, Zigaretten und der Chamundi Hill

Ich habe geschlafen wie ein Stein! Hab zwar auch wieder wilde Träume gehabt (unter anderem von Andrea Hirtler (!) die seit über 25 Jahren tot ist und mit der ich zusammen gelernt habe) und bin zwischendurch einmal durch Hustenreiz aufgewacht (meine  Erkältung ist immer noch nicht weg), aber tendenziell von 22.00 Uhr – 9.00 Uhr durchgepennt. Ein Traum, fühle mich richtig fit …

Der Tag war wieder mal klasse. Ich hab mich heute gefragt, ob ich eigentlich unreflektiert bin und deswegen alles toll finde oder ob wirklich alles primstens ist. Ich hab mich für die 2. Variante entschieden! Es ist einfach fantastisch und liebevoll. Inzwischen bin ich nicht mehr verknallt, sondern richtig verliebt. In die Leute, in die Farben, in die Gespräche, in die Kühe und fast ein bisschen in den Dreck. Mysore ist sicherlich nicht Mumbai, aber dennoch schon „dreckiger“ als Kerala. Und diese ganzen Kühe auf den Straßen … Unglaublich, wer es nicht selber erlebt hat, kann das einfach nicht glauben. Habe heute Morgen lange mit Stephen geplauscht, der „natürlich“ als alter Traveller auch ewig lange in Indien unterwegs war. Er meinte, Delhi ist auf jeden Fall eine Erfahrung wert … ich sollte dort unbedingt hin, genau wie nach Varanasi, was ja schon seit längerem ein Ziel von mir ist. „And if you survived Delhi and Varanasi, come to Mysore again and you will feel like in paradise“. Angeblich liebe ich es danach noch mehr, was ich mir allerdings kaum vorstellen kann … 

Aber zum Tagesablauf:
Lange geschlafen, meiner wunderschönen Tochter beim Aufwachen zugeschaut (sie sah aus wie ein Baby, was ich ihr natürlich niemals erzählen darf) und danach Frühstück mit Stephen und Manjula (der Haushälterin). Es gab „normales Frühstück“, also Eier, Pilze, Toast, Honig, Marmelade, Früchte und Chai. Ehrlich gesagt, war ich gegen Mittag schon wieder etwas hungrig … solch kleine Portionen bin ich gar nicht mehr gewohnt 🙂

Beim Frühstück lange mit Stephen über indische und britische Geschichte gesabbelt, hochintelligenter und unheimlich sympathischer Mensch, wie ich finde. Erinnert mich sehr an John und könnte glatt ein Freund für’s Leben werden. 

Er hat uns ein paar Tipps für heute gegeben, u.a. den Besuch einer alten Hindu-Pilgerstätte außerhalb von Mysore. Srirangapatnam. Klang gut, hätte aber eigentlich den ganzen Tag gedauert, so dass wir davon Abstand genommen haben. Kann ich mir ja auch nächstes Mal anschauen :), das Ding steht schon seit 10 Jahrhunderten dort und wird schon nicht gleich nach unserer Abreise zusammenbrechen …

Wir haben dann den Haus- und Hof-Rikscha-Fahrer von Stephen für eine Stadtrundtour „gebucht“, den ganzen Tag für 700 Rupien (um und bei 10, 00 Euro). Ehrlich gesagt, war das leicht verdientes Geld für ihn. Das lag aber nicht an mangelnder Motivation von ihm, sondern daran, dass wir ziemlich autark waren und immer ein paar Stopps eingefordert und dann alleine durch die Gegend gezogen sind. 

U.a. waren wir im Indira Ghandi-Museum (muss ich groß erwähnen, dass wir wieder die einzigen Touris waren?) Eigentlich waren wir sogar die einzigen Besucher … Es gab eine Ausstellung über diverse Masken, also Tanz- und Dämonenmasken. Ganz hübsch und sicherlich auch interessant, aber wir haben natürlich von den indischen Erklärungen auf Hindi nichts verstanden. 

Ein Typ hat sich irgendwann an unsere Fersen gehängt und ein bisschen was erzählt. Leider sprach er kaum Englisch, so dass uns das nicht viel gebracht hat. Einige Tanzszenen erinnerten uns sehr an Bali, was ja auch hinduistisch ist, insofern waren wir nicht ganz lost …

Ich hätte eigentlich noch ganz gerne was im Museumsshop gekauft, gerade, weil der Besuch kein Eintritt gekostet hat und der „Führer“ echt entzückend war („Schüttel mit dem Kopf“, sage ich nur), aber das war leider nicht möglich und ich konnte den Indern, die das Museum „bewirtschaften“ das leider nicht vermitteln. 

Man stelle sich mal vor, man besucht in Deutschland ein Museum. Im dazugehörigen Shop gibt es natürlich Postkarten, Poster, Bücher – alles Mögliche, die Ausstellung betreffend. Und wer schon mal in einem Museumshop war, weiß, dass das richtig Geld kostet und das Museum dadurch „gesponsert“ wird. Deswegen kauf ich ja auch so gerne in Museumshops ein 🙂

Hier in Mysore gibt es auch einen Shop. Dort kann man aber nicht hinein, weil dieser nicht geöffnet ist. Somit kann man also auch nichts kaufen und das (sowieso schon) kostenlose Museum unterstützen. Dafür kann man aber davor stehen und die kopfschüttelnden Indern bei ihren Unterhaltungen beobachten :).

Danach ging es weiter durch die Stadt – leider im Regen. Irgendwann fing es an zu pieseln und ehrlich gesagt, wirkt selbst Indien dann etwas trostlos. 

Dabei sind wir dann im Univiertel in eine Demo geraten. Unser Tuk Tuk in der Mitte (mit ungefähr gefühlten 233 anderen Tuk Tuks um uns rum), links viele skandierende Inder, rechts jede Menge indische Polizisten, die wie wild auf ihren Pfeifen gepfiffen haben. Unser Fahrer konnte uns allerdings nicht sagen, wieso und weshalb demonstriert wurde. Dazu aber später mehr, zurück zur Tuk Tuk Fahrt …

Hier ein Governmentgebäude, dort ein altes Maharadscha-Gebäude, hier ein Palast etc. … War „okay‘“, hat mich persönlich aber nicht so mitgerissen, da ich mit den Gebäuden keine Geschichten verbinden konnte. In meinem Loose-Reiseführer wird Mysore auf knapp 4 Seiten abgehandelt (anscheinend ist Mysore noch nicht ganz so hip 🙂 ), davon sind allerdings alleine schon 2,5 Seiten Hotel- und Restaurantempfehlungen. Und den richtig guten Stadtführer über Mysore habe ich erst abends bei Stephen im Bücherregal entdeckt …

Schlussendlich waren wir auf dem Universitätsgelände und dort gab es dann ein „Völkerkunde-Museum“. Der Name war anders, es ist auch in keinem Reiseführer (weder in meinem, noch in denen von Stephen, die hier rumstehen, verzeichnet), aber die Umschreibung trifft es schon ganz gut. 

Große Aufregung, als wir dort reingingen … 

Das Gästebuch wurde hervorgekramt, wir mussten uns eintragen und dann bekamen wir sozusagen eine private Führung. 

Ich muss jetzt nicht wieder ausführen, dass wir die einzigen Touris etc. etc. ….

Zusätzlich zur normalen Ausstellung wurden extra für uns Räume geöffnet, die besonders gesichert waren. Leider sprach der „Führer“ so schlechtes Englisch, dass nichts davon hängengeblieben ist. Ich habe irgendwann immer nur noch „Sure“ oder „yes“ gesagt, er hat sich gefreut und mit dem Kopf gewackelt. 

Highlight in diesem Museum waren für mich alte Kinderwiegen irgendeiner Maharadschadynastie und ein ausgestopfter Tiger. 

Nun ist es wahrlich nicht so, dass ich es toll finde, dass irgendwo ausgestopfte Tiger stehen. Aber ehrlich gesagt hat mich dieses Vieh schon sehr beeindruckt. Politisch total unkorrekt, aber ich lasse das einfach mal so stehen …

Der Tiger gehörte irgendwann von 200 Jahren mal einem Sultan oder König von Mysore und hat irgendwelche Leute in die Flucht geschlagen … wenn ich es denn richtig verstanden habe. 

Auf jeden Fall war mir bisher nicht bewusst, wie GROSS so ein Tiger eigentlich ist. Hat fast Haflingermaße … 

Ich war beeindruckt und habe mich die Führung natürlich auch etwas kosten lassen. Der Mensch hat echt unheimlich viel Zeit mit uns verbracht (auch wenn wir kaum was verstanden haben) und war sogar  ein wenig im Stress, uns alles zu zeigen. 

Insgesamt waren es drei Gebäude mit jeder Menge Extra-Exponaten (aufschließen, Licht an, Licht aus, abschließen). 

Nach dem Rundgang mussten wir dann noch eine Empfehlung ins Gästebuch schreiben, wir waren wieder Fotomodells und sowohl die Inder als auch wir haben haben uns wieder mal immens gefreut 🙂

 

Und jetzt wieder mal eine kleine weitere Anekdote zum Thema „Rauchen in Indien“: 

Nach der Museums-Tour habe ich mir draußen eine Zigarette angezündet. Sofort kam der „Sicherheitsdienst“ und hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich dort DRAUSSEN auf dem Platz nicht rauchen darf. 

Unser Tuk Tuk stand neben mir. Ich wollte mir gerade die Zigarette ausmachen, als folgender Satz kam: „It’s not allowed to smoke OUTSIDE, but you don’t have do finsih your cigarette. Sit down in the rikscha!” Dazu wurde wieder mit dem Kopf gewackelt und ich wurde ins Tuk Tuk geschoben.

Dort saß ich dann mit meiner Zigarette und bin fast zusammengebrochen vor Grinsen. Das Tuk Tuk ist ja schließlich auch zu allen Seiten offen und nicht etwa geschlossen. Aber dort „musste“ ich dann rauchen. Obwohl ich eigentlich gar nicht mehr wollte! Mad India …

Danach war dann auch gut mit Museum … Wir wollten keine Gebäude oder Museen mehr sehen, sondern auf die Straßen und zum Markt. 

Stephen hat sehr geile alte Bilder von Indien in seinem Haus hängen und da ich so begeistert davon bin, hat er uns eine Adresse gegeben, wo er seine Sachen kauft. 

Also sind wir zu diesem Shop gefahren und ich habe eingekauft … 2 große Ganesha-Bilder, 10 kleine Fotos. 600 Rupien, was wahrscheinlich auch wieder total überteuert war. Die Shopinhaberin war auf jeden Fall sehr erfreut. Ich allerdings bin auch erfreut, da ich diese Bilder in Deutschland nicht bekommen würde. Und vor dem Shop liefen die ganze Zeit die Kühe lang … schon allein deswegen hat es sich gelohnt, dort einzukaufen:).

 

Danach ging es zum Markt. Eigentlich nur ein Lebensmittelmarkt. Ratet mal, wer nichts kaufen wollte?

Aber wenn die Inder doch alle so nett sind und ihr Englisch ausprobieren wollen und so süß mit dem Kopf wackeln :)…

Also haben wir doch was gekauft, allerdings wirklich nicht viel. Ein paar Öle und ein paar Räucherstäbchen. Dazu gab es denn wieder Fotos und nette Gespräche und „good Karma“. „I do something good for you, you do something good for me – so we will have a good life after this.”

Nach einer verstohlenen Zigarette außerhalb der Markts und immer in Erwartung, dass jemand zu mir sagt: “It’s not allowed to smoke outside, go inside“, ging es dann zum Chamundi Hill – ein Tempel ein wenig außerhalb der Stadt zur Ehren der Lieblingsgöttin des Rajas von Mysore: der Götting Durga,(in Mysore Chamundi genannt), die den Büffeldämonen Mahisharusa besiegte.

Okay, das war jetzt aus dem Reiseführer abgeschrieben :).

Stephen meinte zwar, dass der Tempel nicht unbedingt spektakulär sei, aber ich bin froh, dass wir dort hingefahren sind. Sehr schöner Platz oberhalb von Mysore, viele Affen und absolut fantastische liebevolle und an uns interessierten Leuten! 

 

Ich weiß nicht, auf wie vielen Fotos wir verewigt wurden, ich kann auch gar nicht mehr sagen, mit wem wir über was geredet haben – ich weiß nur, dass wir dort oben eine tolle Zeit hatten! 

 

Und ich schreib jetzt auch nix mehr davon, dass wir die einzigen Touris waren … Keine Ahnung, wo die alle sind, aber da wo wir sind, sind sie definitiv nicht. 

 

 

Hannah und ich haben inzwischen ein Spiel entwickelt. Jeden Morgen, wenn wir losgehen, spielen wir „Wer zuerst einen Touri sieht, hat gewonnen!“ Heute haben wir den ganzen Tag über 7  – sage und schreibe 7 – gesehen. Und davon waren 3 noch asiatisch, also Japaner. 

Wir sind dann später kurz „nach Hause“, haben uns die Hände gewaschen (das Wasser war schwarz – definitiv schwarz!), unsere Einkäufe abgeladen und uns von unserem Tuk Tuk-Fahrer zum Gandhi-Square fahren lassen. Eigentlich wollten wir noch eine Decke oder Sarongs als Mitbringsel shoppen, aber wir waren definitiv zu platt. 

Also haben wir uns nur wieder mal fotografieren lassen („First time in India? You like India? My name is  Roaul, Shawan, Vashna etc. etc.”) und dann haben wir uns auf unsere Dachterrasse von gestern Abend verzogen. Die Kellner freuten sich. Ich habe mich ein wenig gewundert, dass sie uns gleich wieder erkannt haben 🙂 – Das war ein Witz! 

Wir bekamen den gleichen Tisch wie gestern, Getränke wurden unaufgefordert hingestellt und dann war erst einmal „Ruhe“. „Ruhe“ in dem Sinne, dass wir nicht andauernd irgendwelchen Mopeds, Rikschas, Tuk Tuks und Kühen ausweichen und Fragen beantworten mussten, sondern dass wir einfach sitzen und gucken konnten.






Eigentlich wollten wir danach noch über den Nachtmarkt schlendern, aber wir waren wirklich groggy. Eines haben wir allerdings doch noch geschafft – und darauf bin ich wirklich stolz! 

Für morgen Abend haben wir noch eine Busfahrkarte nach Varkala ergattert. Wir waren heute unter anderem an der Central Bus Station und in 4 oder 5 Reisebüros und alle Leute haben uns freundlich erklärt, dass es keine Möglichkeit gibt, von Mysore per Bus nach Varkala zu fahren. Wir könnten bis nach Trivandrum mit dem Bus um 17.00 Uhr fahren, kommen dann am nächsten Tag morgens um 6.00 Uhr in Trivandrum an und müssen dann wieder 1,5 Stunden zurück fahren. 

Hatte ich mich eigentlich auch schon drauf eingestellt, wäre ja auch nicht soooooo schlimm gewesen. Aber heute Abend auf dem Weg zurück latschen wir durch die „Handwerkerstraße“ (Farben, Schrauben, Schlosserarbeiten, Kessel etc.) und dort mittendrin war  ein klitzekleines Reisebüro.

Ich will nicht lügen, aber mehr als 5 qm hatte das Teil nicht. Es passten ein Schreibtisch rein und 2 kleine Klappstühle und für mich war kaum noch Platz. Was hab ich mir auf dem Klappstuhl die Knie am Schreibtisch gestoßen! Hannah musste sowieso draußen warten („First time India? You like India?“)

Auf jeden Fall hat der Mann in diesem kleinen Reisebüro es geschafft, einen Bus aufzutreiben, bei dem wir übermorgen früh in Varkala aussteigen können! Wir fahren jetzt morgen Abend um 18.05 Uhr los und dürften morgens um 6.00 Uhr in Varkala sein. Dann heißt es eine Rikscha ab zum Cliff nehmen und dann mache ich 2 Tage gar nix! Hannah auch  nicht … 

Aber warten wir mal ab …

Nun kommt Stephen mit einem Kingfisher und will noch etwas plauschen – ich freu mich drauf! Ganz kurz nur noch – natürlich hat mich interessiert, wie er sich Indien „leisten“ kann, auch wenn er hier ein Guesthouse betreibt. 

Er war jahrelang in einem großen Versicherungsunternehmen als Personaler  tätig und hat sich – nachdem er vor 3 Jahren beschlossen hat, hierher zu kommen – mehr oder weniger unmotiviert als Berater selbständig gemacht. Für ein Businessvisum in Indien, welches am längsten (nämlich 2 Jahre gültig) ist, benötigt man irgendwelche „Jobverbindungen“. So nenne ich das jetzt mal … Er hat damals also auf eigenem Firmenbriefpapier eine Empfehlung für „Stephen“ ausgeschrieben, dass dieser (also er selbst) in Indien als Berater benötigt wird.

Niemand war überraschter als er selbst, dass dieses als Einreisegrund reichte :).

Und was eigentlich eher ungeplant und aus einer Notwenigkeit heraus passierte, läuft inzwischen sehr gut. Er coacht jetzt andere Firmen (online oder meist in UK, ganz selten hat er wirklich mal einen Auftrag in Indien) und verdient damit richtig Geld. Er ist 3 x im Jahr für 2 oder 3 Wochen in England, bekommt die Reisekosten meistens noch bezahlt und fragt sich, warum er sich nicht schon vor Jahren für diese Variante des Lebens entschieden hat.

So, Schluss jetzt. Ich finde es unhöflich, hier weiter reinzutippen, während er hier das Bier auf dem schönen Balkon vor uns hinstellt …. 

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