Wie IST Indien eigentlich?

Eigentlich dachte ich, ich hätte schon genug über Indien geschrieben 🙂

Aber nun erhielt ich eine Mail mit der Frage “Wie IST Indien eigentlich? Schön zu lesen, dass das Taj Mahal nicht auf seinen, sondern auf ihren Vorschlag gebaut wurde. Aber wie fühlt sich Indien AN?”

Sagen wir es mal so … 

Als Asienanfänger würde ich mir Indien wahrscheinlich nicht gerade als erstes Land auf diesem Kontinent aussuchen 🙂

Es bedarf schon einer gewissen Gemütsruhe, um den Menschenmengen in den Städten auszuweichen, die Gerüche und Geräusche auf den Straßen auszublenden und sich nicht bei jedem Bettler zu “schämen”. Viele Leute (insbesondere die, die in Mumbai oder Delhi ankommen) klagen erst einmal über Kopfschmerzen und “allgemeines Unwohlsein”. Einige fühlen sich maddelig, andere bilden sich Bauchkrämpfe ein.

Da muss man durch und das geht meiner Meinung auch ziemlich fix! Ich hatte diesen Punkt diesmal nicht am Anfang der Reise, sondern irgendwann mittendrin.

Ich konnte kein Gehupe mehr hören! 

Ich habe Busse gehasst! 

Ich wollte nichts mehr essen, weil ich der Meinung war, ich bekomme Durchfall. 

Ich hatte es satt, der Kuhscheiße auf den Straßen auszuweichen! 

Ich habe sogar einen unseren Taxifahrer angeschrien und ihm kräftig auf die Kopfstütze seines Sitzes gehauen, weil dieser freudig hupend um die Kurven fuhr und dabei allem auswich, was einem auf Indiens Straßen zu entgegenkommt.

Und was kommt einem auf Indiens Straßen so entgegen?

Autos, Motorräder, Ziegen, Kühe, dröhnende Busse, aus denen Menschentrauben hängen, überfüllte Rikschas, Mopeds, die mit 5 Leuten besetzt sind, Mönche, Frauen in bunten wunderschönen Saris, die auf den Köpfen große Bottiche mit Schotter oder Gemüse oder aber Reisigbündel tragen, Kinder,  Alte mit gebeugtem Rücken und Krückstöcken, Hunde, Enten, Kühner, Hähne, Schweine, Kamele, Chaiverkäufer, Obstkarren,  ….

Und warum Hupen Inder eigentlich? Ich würde mal sagen, aus dem gleichen Grunde, warum einige Leute auf Berge klettern. Weil sie halt da sind! Weil es sie halt gibt! Und weil sie wunderbar funktionieren!

Wenn in Deutschland auf den Straßen gehupt wird kann man davon ausgehen, dass es sich um eine Gefahrensituation handelt. Achtung!

Wenn auf Kreta gehupt wird, kann man davon ausgehen, dass man sich auf einer schmalen Bergstraße befindet und entgegen kommenden Verkehr auf sich aufmerksam machen möchte. Sozusagen ein kleines “Achtung”!

Wenn in Indien gehupt wird, hat man Spaß! In Indien hupt man aus purer Freude! Freude, dass es einem gut geht, das man in einem Auto oder auf einem Moped sitzt und eine Hand an einer wunderbar funktionierenden Hupe hat! Und was für eine Freude, wenn zurück gehupt wird! Kein genervtes Gesicht weit und breit, glücklich und strahlend drückt man seine Hupe erneut und hupt zurück …

Klingt anstrengend? Ist auch anstrengend …. Aber der Spaß überwiegt! Irgendwann schrickt man nicht mehr bei jeder kreischenden Hupe zusammen. Irgendwann überlegt man sich nur noch, ob es in Deutschland eigentlich auch so viele unterschiedliche Huptöne gibt …

Und der Lärm der Straße ist ja nicht die einzige Geräuschkulisse in incredible India! Zusätzlich erschallt Geschrei aus den Häusern. Ich verstehe ja weder Hindi noch eine der anderen 113 indischen Sprachen. Vielleicht ist es auch gar kein Geschrei. Vielleicht sind es ganz normale Unterhaltungen …

Hühner gackern, Hähe Krähen, Kühe muhen, Hunde bellen, Schweine grunzen, Kinder kreischen auf den Schulhöfen, Chaiverkäufer preisen ihren Tee an und Shopverkäufer versuchen einen mit lauten Lockrufen in ihre Geschäfte zu locken, Bollywoodsongs werden laut mitgesungen, Blaskapellen spielen Musik!

Kein Witz! In Varanasi habe ich Touristen mit Ohrstöpseln durch die Straßen laufen sehen … Damit kann man sich natürlich auch ein wenig “rausnehmen”.

Nicht nur der Lärm ist anstrengend! Das gleiche gilt für die verschiedenen Gerüche, die immer und ewig auf einen einwirken.

Frisch gekochter Masala Chai vermischt sich mit den Aromen verschiedener scharf gewürzter Pfannengerichte. Hinzu kommt der Geruch von in Fett gebackenen Süßigkeiten oder Garlic Naan. Das alles gekrönt von einem manchmal nicht so recht funktionierenden Abwassersystem und am Straßenrand liegenden Müllhaufen kann ebenfalls für ein wenig Unbehagen sorgen.

Aber auch daran gewöhnt man sich …

Indien gilt als Land der heiligen Götter! Gleichzeitig ist es aber auch das Land der heilipen Rupien :).

Da braucht man sich als Reisender, egal ob nun Tourist oder Langzeitreisender, nichts vormachen. Die Inder wollen dein Bestes und das ist  – neben deinem Spaß und deinem Karma – dein Geld! Mich stört das nicht besonders. Indien ist immer noch ein sehr billiges Reiseland. Und wenn die Leute arbeiten oder dir bei notwendigen Dingen helfen, sollen sie auch Geld dafür erhalten.

Es gibt sicherlich auch die Storys, bei  denen Traveller im Norden Indiens in den Bergen von Familien for free durchgefüttert werden. Und nicht nur das Essen und die Unterkunft ist frei. Zusätzlich kann man den ganzen Tag – ebenfalls for free – kiffen, weil Kiffen in Indien – insbesondere in den Bergen – einfach zum Alltag dazu gehört. Das Zeug wächst an jeder Ecke, ist billiger als normale Zigaretten und wird von Männlein und Weiblein den ganzen Tag über konsumiert. Egal, ob jung oder alt, ob reich oder arm. Punkt! Wer etwas anderes behauptet, lügt! Viele Reisende kommen nur aufgrund des angeblich hervorragenden Charras nach Indien. “Angeblich” muss ich schreiben, da ich noch nicht einmal die Gelegenheit hatte, an einer Kräuterzigarette zu ziehen. Liegt wahrscheinlich an meinem seriösen Auftreten in meinen Kleidchen, das mir nichts angeboten wird. Schade eigentlich … ;).

Zurück zum Thema “ich bin von einer Familie tagelang eingeladen worden” …

Ich persönlich habe diese Geschichten auf meiner Reise durch Indien immer mal wieder gehört, musste bisher aber immer für mein Essen und Zimmer zahlen. Was ich allerdings auch gerne tue! Ich bin in der glücklichen Lage, diese Reise finanzieren zu können und das kann ich im Zweifel nur dadurch, weil wir bei uns in Europa auf Kosten der dritten Welt leben und sich indische Näherinnen für unsere billigen 5,00 Euro T-Shirts die Augen ruinieren …

Indien gilt als Platz der inneren Einkehr!

Wer nicht meditieren oder sein früheres Kind wiederfinden will, kann Yoga-Kurse besuchen oder sich gleich zum Yoga-Lehrer ausbilden lassen. Reiki-Kurse besuchen, eine Sitzung bei einem Schamanen abhalten, Ayurveda-Techniken ausprobieren oder lernen, an Tantra-Sitzungen teilnehmen, Mandras singen, seine eigene Geburt in Hypnose aufarbeiten, sich in Vergebung üben, ungezählte Tempel besuchen oder sich  mit den unzähligen Göttern dieses Landes beschäftigen.

Kein Wunder, das Indien als DAS Land der Spiritualität gilt! Und egal, ob man nun an Gott, das Universum, Karma oder an sein eigenes Bankkonto glaubt – dieser ganze Glaubens-, Esoterik- und Wohlfühlmischmasch lässt meiner Meinung nach niemanden kalt.

Apropros Götter … Indien hat ca. 3000 Götter. Kein Wunder, dass hier alle auf der Suche nach dem Großen und Ganzen sind. Bei 3.000 Göttern ist sicherlich für jeden Menschen- und Glaubenstyp ein passender Gott dabei.

Und die Götter sind überall!

Selbst die Straßen werden zu Tempeln. Götterfiguren sitzen auf dem Bürgersteig, umringt von weißen, gelben und organgen Blumen. Werden die Blumen von den Kühen gefressen, findet sich sofort jemand, der für frischen Nachschub sorgt! An den Füßen der Statuen werden kleine Öllämpchen aufgebaut und angezündet. Bündel von Räucherstäbchen werden in die Erde davor oder in kleine Messinghalter gesteckt.

Fertig ist der Tempel! DA kann dann auch jeder Mopedfahrer beim Vorbeifahren noch schnell einmal ein Gebet sprechen. Natürlich freihändig und den Blick auf die Gottesfigur gerichtet und nicht etwa auf die Straße. Wenn ich es recht überlege, sind dies eigentlich die einzigen Momente, in denen sie nicht hupen (können) ;)!

Götter sind auf Hauswände gemalt, Götter schützen Verkaufsläden und Essensstände, Götter hängen an den Windschutzscheiben von Taxen, Bussen und Lastwagen. Was bei dem indischen Fahrstil auch dringend nötig ist …

Sehr oft ist Ganesha abgebildet. Er ist sozusagen der Popstar im indischen Himmel :).

Alle lieben Ganesha! Und das nicht etwa nur, weil er so knuddelig aussieht mit seinem Elefantenkopf.

Er gilt als Glücksbringer und gleichzeitig als Spaßmacher. Er räumt Hindernisse aus dem Weg und liebt das Leben! Kann also definitiv nicht schaden, ihn dabei zu haben 🙂

Fast genauso beliebt wie Ganesha ist Hanuman, der Affengott. Wenn ich es richtig in Erinnerung behalten habe, führte er seinerzeit das Heer der Affen an und rettete somit die Götter und die Welt.

Ich gehe mal davon aus, dass alle Affen Indiens diese Geschichte kennen. Zumindest führen sie sich wie die eigentlichen Herrscher des Landes auf 🙂

Die Verehrung, die Inder Hanuman entgegen bringen, hat den Affen quasi Narrenfreiheit bescherrt! Jedenfalls in den Städten! Egal, ob sie Essen, Brillen oder Taschen klauen oder aber Blechdächer zu Trommeln umfunktionieren, es wird (meistens) toleriert.

Ich habe nur einmal erlebt, dass ein Affe verjagt wurde. Und das war, als dieser vor einem voll besetzten Restaurant zu masturbieren anfing …

Shiva wird ebenfalls verehrt! Er ist sowohl der Zerstörer als auch der Erretter der Welt. Also gleichzeitig für das Böse und auch für das Gute zuständig! Irgendetwas passt immer. Interessanterweise sind es meistens Männer, die Shiva verehren.

Frauen tendieren mehr zu Lakshmi, die Göttin des Glücks, der Liebe, der Fruchtbkarkeit, des Erfolgs und des Reichtums.

Zu diesen 4 “großen” Göttern und ihren jeweiligen Reinkarnationen, Söhnen und Töchtern gesellen sich Schlangengötter, Rattengötter und diverse andere. Ich sehe mich leider außerstande, sie alle aufzuzählen :).

Religion und Glaube geht durch alle Stufen von Bildung und Wohlstand Indiens. Egal, ob du Bettler oder CEO eine großen Unternehmens bist. Gebet wird immer! Und das aus tiefstem inneren Glauben … Selbst die “westlichsten” Inder in schicken Jeans öffnen ihre Geschäfte oder Restaurants nicht ohne ein ausgiebiges Gebet mit Gesang, Segnungen und Räucherstäbchen.

Hab ich noch etwas vergessen?

Ja, natürlich! DIE KUH! DIE HEILIGE KUH!

Kühe laufen überall in Indien herum. Manchmal sind sie klein, manchmal sind sie groß. Manchmal sind sie lieb und stupsen dich freundlich mit ihrem Maul an, manchmal sind sie doof und versuchen, dir ihre Hörner in die Seite zu rammen.

Kühe können den Verkehr vollends zum Stillstand bringen, denn wenn SIE auf der Straße liegen, nützt alles Gehupe und Gekreische nichts. Sie bleiben liegen, sie lassen sich nicht aus der Ruhe bringen und die Autos haben zu warten.

Kühe laufen am Strand entlang, sie schauen in die Häuser hinein und leider leider kacken sie auch überall hin. Nach einigen Tagen entwickelt man aber auch beim Kuhscheiße ausweichen eine gewisse Routine … Und wenn nicht, gilt auch das wieder einmal als glückverheißend. Das indische “You got the cake!” bedeutet wohl so etwas wie “Volltreffer!” im Deutschen.

Trotz aller Freiheiten, die die Kühe hier genießen, gibt es aber auch viele Schattenseiten. Insbesondere in den Städen finden die Tiere nichts mehr zu fressen. Viele Inder geben den Kühen morgens und abends etwas Essen. Meistens auch noch hübsch angerichtet … Aber es reicht natürlich längst nicht für alle Tiere!

Mangels Grünflächen in den zugebauten Städten wühlen die Kühe im Müll am Straßenrand. Sie fressen den Plastikmüll und gehen daran irgendwann elendig zugrunde. Der Magen kann das Plastik nicht verdauen, es verbleibt im Magen und die Tiere können kaum noch richtiges Futter zu sich nehmen. Irgendwann verhungern sie qualvoll unter großen Schmerzen.

Wir haben in Udaipur ein Tierheim besucht. Dort hat man uns erzählt, dass Kühe – im Gegensatz zu Hunden oder anderen Tieren – aufgrund ihrer Heiligkeit NICHT eingeschläfert werden dürfen. Sie bekommen auch keine Tabletten, sie müssen ihren Weg bis zum Ende gehen. Ich persönlich finde das ziemlich grausam und habe beschlossen, unter diesen Umständen möglichst nicht als Kuh in Indien wiedergeboren zu werden ….

Indien ist für Vegetarier das Königreich schlechthin! Die meisten Inder ernähren sich vegetarisch, oft sogar vegan!

Teils aus Kostengründen (Fleisch ist teuer!), viel öfter aber aus dem Glauben heraus. Jeder Inder weiß, dass die Seele eines Menschen sowohl als Mensch als auch als Tier wiedergeboren werden kann. Ein Inder wird also so gut wie nie Fleisch essen. Es könnte sich bei dem verstorbenen Tier ja schließlich um einen verstorbenen Freund oder Nachbarn handeln, der als Huhn wieder geboren wurde.

“Außerdem kann es deinem Bauch nicht gutgehen, wenn du die Bäuche anderer Lebewesen ist” … 🙂 Diesen Satz musste ich mir einen Tag anhören, als ich über Magenschmerzen klagte und nur einen Tee als Bestellung aufgab ….

Wenn Inder dich in ihr Herz geschlossen haben, bist da drin! Punkt! Du kommst da nicht wieder raus, selbst wenn du willst. Aber wer will das schon … ich nicht :)! Sorgt sicherlich für gutes Karma und für ein gutes wohliges Gefühl sorgt es sowieso!

Neben den Kühen, den Göttern und den Familien ist nämlich noch etwas in der indischen Gesellschaft heilig. Freundschaft! Sobald du irgendwie und irgendwo in Schwierigkeiten gerätst, wird dein indischer Freund oder deine indische Freundin alles in Bewegung setzen, um dir dort heraus zu helfen. Auf welche Art und Weise auch immer …

Also … so ungefähr “fühlt” sich Indien an!

Als das oben gesagte mit einer gesunden Prise Humor gewürzt (“Homour is the stairway to heaven, Honey Bee!”), ganz viel Schalk im Nacken und Freude in den Augen macht Indien aus.

Ich kenne niemanden, der Indien “ganz nett” findet. Meiner Meinung nach liebt man Indien oder man hasst es! Etwas dazwischen gibt es nicht.

Ich gehöre definitiv zur ersten Kategorie, Hannah auch 🙂

Und Ihr?

Ach so … “Honey Bee” ist mein indischer Spitzname. Bine ist anscheinend schwierig auszusprechen. Pragmatisch wie die Inder nebenbei auch noch sind, haben sie mich mal eben umgetauft 🙂

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