Wo fährst du hin? Nach Sri Lanka? Da ist doch Bürgerkrieg!

Das war die entsetzte Reaktion eines (studierten) Arbeitskollegen, als ich ihm sagte, dass ich nach Sri Lanka fahre.
„Der ist lange vorbei“! Das war meine (überhebliche) Reaktion auf seinen Satz. 

Nun, ehrlich gesagt, wusste ich bis gestern abend nur, dass der Bürgerkrieg zwischen der LTTE und der sri-lankischen Regierung seit 2009 zu Ende ist. Und dass die umkämpften Gebiete eher im Norden und Osten lagen. Und dass der Krieg „ewig“ dauerte.
Nachdem ich ein wenig recherchiert habe, musste ich allerdings feststellen, dass ich gar nichts wusste :(.  Gut, die obigen Eckdaten, aber das war es denn auch schon.
Ich wusste zum Beispiel nicht, dass der Krieg im Grunde genommen auf eine  (für mich völlig banale) Entscheidung der ersten unabhängigen sri-lankischen Regierung „fußt“, die 1956 zum Entsetzen der tamilischen Minderheit die Sprache der singalesischen Mehrheit zur einzigen offiziellen Staatssprache erklärte. Dieses Gesetz wurde später zwar zurück genommen, aber damit war die Saat für den Krieg im Grund genommen gelegt.
Sri Lanka ist ein Vielvölkerstaat und gerade mal so groß wie Bayern. Drei Viertel der Einwohner sind Singalesen, der Rest der Bevölkerung setzt sich aus Tamilen, Moors und Veeddah zusammen. Moors (Nachfahren arabischer muslimischer Händler) und Veddahs (die eigentlichen Ureinwohner der Insel) werden bis heute geflissentlich vergessen und übersehen, wenn sich die Tamilen und Singalesen (immer noch) darüber streiten, wem die Insel eigentlich „gehört“. Die beide auch nur aus Indien eingewandert sind  … Was für ein Irrsinn!

Der „Eigentumsnachweis“ beider Gruppen ergibt sich (natürlich) aus ethnisch-religiösen Gründen. Hinzu kommt, das Sri Lanka jahrhundertelang von den Portugiesen, Holländern und schlussendlich von Großbritannien „besetzt“ war. Generöserweise wurde das Land dann aber schließlich 1948  in die Unabhängigkeit „entlassen“. Noch so ein Irrsinn …
Langes Geschreibsel, kurzer Sinn. Die erste unabhängige Regierung hat sich mit einigen grotesken Entscheidungen nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Insbesondere die tamilische Jugend wurde irgendwann zunehmend militant und griff aufgrund der Diskriminierung der tamilischen Bevölkerung zu den Waffen. Die LTTE war geboren …
Und damit begann der Bürgerkrieg in Sri Lanka, der sage und schreibe 26 Jahre dauerte! 
Die „Entscheidung“ fiel in Mullaitivu, ein Ort, der mir bis gestern überhaupt nichts sagte. Die sri-lankische Regierung bot alles Militär auf, dass auch nur ansatzweise stehen konnte und einsatzbereit war (unter anderem auch aus Indien, China, Südafrika und Israel) und kesselte die LTTE ein. Diese waren aber auch nicht gerade Chorknaben und pferchten auf wenigen Quadratkilometern Hunderttausende tamilische Zivilisten zusammen, um in deren Schutz das eigene Ende so lange wie möglich hinauszuzögern. Allerdings ging diese Rechnung nicht auf. Die Regierungstruppen begannen ihre „Schlussoffensive“ und niemand kam den Zivilisten zur Hilfe.
Keiner weiß, ob während der letzten Kriegswochen in Mullaitivu 10.000 oder 75.000 Menschen ums Leben gekommen sind. Wie viele davon Zivilisten waren, schon gar nicht. Auch die UN und die internationalen Menschenrechtsorganisationen haben sich 2009 nicht gerade mit Ruhm bekleckert …
„Und gerade weil das Ende des Krieges so brutal war, ist die gesellschaftliche Aussöhnung zwischen Singalesen und Tamilen noch in weiter Ferne.“ 

Das sage nicht ich, sondern das hat ein politischer Beobachter im Land vor gar nicht langer Zeit in einem Interview gesagt.

Ich fand den Satz aber sehr wichtig und richtig und deshalb erscheint er hier in meinem Blog. 

Jetzt nach dem Ende des Bürgerkriegs herrscht anscheinend „Goldgräberstimmung“ auf der Insel.

Der Norden Sri Lankas lockt Abenteuerlustige an und der Süden prunkt mit Spa-Resorts in traumhafter Tropenkulisse.

Colombo hat sich in den letzten 3 Jahren zur aufstrebenden asiatischen Mega-Metropole entwickelt.
Galle ist anscheinend so hip, dass reiche Leute aus der ganzen Welt die herrlichen alten Kolonialbauten aufkaufen und sich diese als „Zweitwohnsitz“ herrichten. Was machen die denn bloß mit den ganzen Riads, die sie in Marrakesch aufgekauft haben??? Angebote bitte immer mich … ich hätte da auch Interesse dran :).
Sri Lanka hat inzwischen 8 % Wirtschaftswachstum jährlich! Hört sich erst einmal gut an, aber nicht jeder ist glücklich darüber. Etlichen Regierungsvertretern wird vorgeworfen, sich an diesem rasanten Wirtschaftswachstum mehr selbst zu bereichern. Mammutprojekte wie z.B. in Colombo kommen nur der Ober- und Mittelschicht zugute, nicht aber der Landbevölkerung und der Teepflückerin, die ihre Kinder ernähren muss.
Nun liegt es in der Natur des Menschen und wahrscheinlich besonders in der Natur von Touristen (mich eingeschlossen), dass wir solche Missstände nicht wahrnehmen (wollen). Wir wollen ein Tropenparadies sehen und das „freundliche, friedliche“ Gesicht des Landes kennenlernen. Kultur, Traumstände, Tempel, Teeplantagen, Schulkinder in weißen Uniformen, Sonnenuntergänge …

Ich vermute mal, dass ich nicht allzu oft mit Regierungsvertretern zusammentreffen werde. Wohl aber mit Tuktukfahrern, Homestaybesitzern und hübschen Surflehrern :). Da wird sich sicherlich die eine oder andere Gelegenheit ergeben, das „neue“ und auch das „alte“ Sri Lanka anzusprechen und vielleicht auch einen Blick auf die nicht so schönen Seiten der Insel zu werfen …

Und es gibt sicher einen Blick in die Zukunft:

 

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